Wolfgang Ernst: Merely the Medium - Die operative Verschränkung von Logik und MaterieJune 20
Vortrag im Rahmen der Tagung ” Was ist ein Medium? “ (Alexander Roesler | Stefan Münker) Kolleg Friedrich Nietzsche / Weimar
17.12.2005
Die von Wolfgang Ernst vertretene Medienarchäologie konzentriert sich auf die Beschreibung konkreter materieller Prozesse und richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Physikalität der Kanäle und auf die von dieser Physikalität ermöglichte und begrenzte Logik des Codes, auf die operativen Prozesse auf der Innenseite des Mediums (vgl. Zur Unterscheidung zwischen operativ und performativ). Diese nicht-diskursiven Prozesse, die mathematisch abstrahiert als Algorithmen beschrieben werden können, sind verwurzelt in Kulturtechniken, die allen medialen Prozessen ihre jeweilige Logik aufzwingen. Die Logik, die die Physikalität des Mediums und die mit ihr notwendig verbundenen Formen der Codierung erzwingt, formt nicht nur jede Aussage, sondern zieht erbarmungslos eine Außengrenze medialer Sagbarkeit(1). Folgt man dieser Position, können kulturelle Phänomene als Effekte der Kulturtechniken gelesen werden; der Blick, der in der Regel von Sinn und Semantik fasziniert wird, kann durch diese hindurch auf die konkreten Operationen sehen und damit die konstruktive Kraft des jeweiligen Mediums ausfindig machen, die sich in der alltäglichen Benutzung von Medien unserer Aufmerksamkeit gerade entzieht.
Diese Position selbst verdankt sich allerdings keinem Code, ist nicht der Effekt einer Kulturtechnik und lässt sich auch schwerlich aus der Physikalität eines Mediums herleiten. Sie entstammt vielmehr einem Diskurs, der sich in den 90er Jahren an der Humboldt Universität zu Berlin entwickelt und ausgebildet hat. Die Zentralfigur dieses Diskurses ist Friedrich Kittler, der, ursprünglich aus der Germanistik kommend (2), in seiner 1985 erschienenen Habilitationsschrift „Aufschreibesysteme 1800 - 1900“(3) darauf aufmerksam machte, dass Literatur nicht nur eine geistesgeschichtliche Grundlage habe, sondern sich im entscheidenden Maße dem Zusammenspiel von Kulturtechniken und Institutionen verdanke. „Aufschreibesysteme“ versteht Kittler als „Netzwerk von Techniken und Institutionen (…), die einer gegebenen Kultur die Adressierung, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten erlauben“ (4).
Wolfgang Ernst verschärft die Position Kittlers: Während Kittler in einem Videointerview, das wir mit ihm in der Akademie der Künste (Berlin) geführt haben, davon ausgeht, dass Medientheorie nur als Mediengeschichte möglich sei, ist Ernst gerade an den grundsätzlichen und überhistorischen Modi medialer Speicherung und Übertragung interessiert. Natürlich ist dieser stumme, prädiskursive Bereich mit der Produktion von historischen und gesellschaftlichen Ereignissen verwoben, natürlich ist er selbst immer auch Resultat geschichtlicher oder auch ökonomischer Prozesse, das Ergebnis von Zufällen und Erfindungen und verknüpft mit Interessen, Märkten, mit Macht womöglich, und dem Wirken von Institutionen; und doch kann die basale Grammatik eines Mediums, die sich aus seiner konkreten Physikalität und der mit ihr verbundenen und von ihr erzwungenen Codierung ergibt, ANALYTISCH von allen historischen und diskursiven Prozessen abgetrennt werden. Die Wissenschaft der Medien ist dann nicht mehr Technikgeschichte, die historische Einzelanalysen anstrebt, die kultur-entscheidende Daten der Konzeption, Entwicklung und Verbreitung von Einzelmedien zusammenträgt und ihre konkreten historischen Auswirkungen untersucht, sondern Medienwissenschaft (im Singular), die sich für die generellen Regeln des medialen Gebrauchs interessiert.
Dass massenmediale Phänomene auf diese Weise gerade nicht fassbar sind, versteht sich von selbst.
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- (1) Hier ergeben sich Überschneidungen mit dem Archivbegriff Michel Foucaults (1926-1984), der das Archiv als das Gesetz dessen versteht, was zur Aussage werden kann (Archäologie des Wissens, Frankfurt a.M. 1981, p.187; franz. Original: „L’Archéologie du Savoir“, Paris 1969.
- (2) „Biografisch war schon die Literaturwissenschaft ein Versuch, die Füße auf den Boden zu kriegen. Ich hatte zunächst Philosophie studiert, und just in dem Moment, als mich der Auftrag ereilte, über Hegels Ästhetik zu promovieren, kam mir der entsetzliche Gedanke, dass es vielleicht gar keine Gedanken gibt, sondern nur Wörter. Der Schritt aus der Philosophie in die Literaturwissenschaft war also schon der Abschied vom idealistischen Traum, sich selber beim Denken beobachten zu können, und der Versuch, Wörter als ein Medium zu begreifen, das es gibt und das positive Effekte ausübt. Damals gab es ja Leute wie Gregory Bateson, die zur Begründung einer Kommunikationstheorie des Sprechens und des Schreibens auch materielle Wirkungen einbezogen, es gab Jacques Lacan, der den Signifikanten in seiner Materialität beschrieb…“ so Kittler über Kittler in Konturen einer Medienwissenschaft in: Vom Chaos zur Endophysik - Wissenschaftler im Gespräch, hrsg. von Florian Rötzer. München 1994, p.319.
- (3) Aufschreibesysteme 1800 - 1900, München 1985.
- (4) ebenda, p.501.

