Operativer Code
[vorläufige Notizen]
Operative Codes sind überall dort zu finden, wo richtig und falsch (wohl)definiert sind: In Rechenmaschinen, in der Verwendung von Zahlen und Buchstaben, im Reich der Mathematik und in formalen Sprachen. Bezüglich des operativen Codes gibt es keine Unsicherheit und keinen Interpretationsfreiraum. Er ist mathematisch anschreibbar, “wohldefiniert” und damit nicht kontextabhängig, umweltunsensibel. Operative Prozesse sind im semantischen Sinne sinnfrei.
Der operative Code ist vom performativen Code zu unterscheiden. Semantische Zusammenhänge können nur von Letzterem erfasst werden. Während operative Prozesse vollständig induziert werden können, haben performative Prozesse einen Aspekt der Kontingenz. Während operative Codes feststehen, unterliegen performative Codes der ständigen Wandlung in der Benutzung.
In Maschinen konstruiert sich der operative Code aus der Verschränkung von „Logik und Materie“. Turingmaschinen und Computer arbeiten mit operativen Codes. Der operative Code bezeichnet in diesem Zusammenhang jene Dimension, in der reale Signale für die Maschine verrechenbar und an Schnittstellen interpretierbar sind. Das positiv vorhandene Signal bekommt in der Reduktion in Bezug auf einen Code seinen Informationswert. So sind etwa die reale Dauer der Längen und Kürzen im Morsealphabet unter Umständen recht unterschiedlich, der Code aber kennt nur Längen und Kürzen und reduziert damit das positiv Vorhandene unter Weglassung aller weiteren Qualitäten auf diese zwei Kategorien.
Die Verarbeitung operativer Codes geschieht immer in Algorithmen. Diese Verarbeitungen sind in der Einzelanwendung “trivial” (von Foerster) können aber auch die Komplexität nicht-trivialer Maschinen (Turing Maschine) entwickeln, die in unterschiedlichen Zuständen die gleiche Eingabe unterschiedlich verarbeiten und trotzdem [[Kontingenz]] ausschließen. Die Unterscheidung zwischen operativ und performativ ist also nicht identisch mit der Unterscheidung zwischen trivialen und nicht-trivialen Maschinen von Heinz von Foerster.
Als operativen Prozess bezeichnen wir auch die Encodierung, die vom Transmitter (Sender) geleistet wird, damit ein Signal in einem Kanal (einem technischen Medium) übermittelt werden kann (vgl. Shannons Informationstheorie). Ebenso die Decodierung des Receivers (Empfänger) der die empfangenen Singnale interpretiert (decodiert) und wohldefiniert auf einem Interface erscheinen lässt. Das Signal ist also immer operativ codiert und unterscheidet sich gerade dadurch vom (sinnhaften) Zeichen.
Es ist nicht unerheblich, darauf hinzuweisen, dass die Unterscheidung zwischen Performativität und Operativität keineswegs identisch ist mit der Unterscheidung der “Welt der Menschen” und der “Welt der Maschinen”. Im Gegenteil: Der Mensch zeichnet sich gerade dadurch (vor dem Tiere UND Maschinen) aus, dass er sowohl operative als auch performative Codes verwenden kann. Er kann sowohl rechnen als auch Begriffe benutzen und Sätze bilden. Er kann Algorithmen rechnen aber auch Zeichen semantisch interpretieren. Der Mensch kann sich also wie eine Rechenmaschine verhalten, eine Rechenmaschine aber nicht wie ein Mensch. Die Überlegenheit des Computers (ein Begriff der ursprünglich menschliche Rechner meinte) für bestimmte Aufgaben, liegt nicht in der Qualität, sondern in der Quantität.
Auch die [diskrete Codierung] der Buchstaben ist beispielsweise ein operativer Code. Veranschaulichen kann man sich dies dadurch, dass Buchstaben (etwa im Gegensatz zu Begriffen) nicht umweltsensibel sind.
Die Unterscheidung von operativ und performativ bezeichnet einen Verarbeitungsmodus von Information. Sie entscheidet sich nicht an der Frage, ob Bewusstsein am Prozess beteiligt ist, sondern nur, ob das Bewusstsein als Bewusstsein von Sinn und Bedeutung für den Bearbeitungsprozess eine Rolle spielt.
Das Wort ist als Buchstabenfolge (im Gegensatz zur Geste) operativ codiert, unterliegt aber als Begriff einem performativen Code. Das Zusammenkommen von performativer und operativer Codierung in der menschlichen Sprache hat weitreichende Konsequenzen und ermöglicht GEIST (so die hier vorgetrage These).
Den Versuch performative und operative Codes, Sprache und formale Logik streng aneinander anzugleichen, finden wir in der frühen analytischen Philosophie, dem Logischen Positivismus, bei Frege, Carnap, dem frühen Wittgenstein und dem Wiener Kreis (zu dem auch Carnap gehörte). Es handelt sich um den Versuch, eine ideale Sprache nach dem Modell einer formalen Sprache zu entwickeln, und damit die Philosophie zu einer strengen Wissenschaft zu machen. Zu einer Zeit in der selbst die Mathematik mit der Arbeiten Kurt Gödels (Über formal unentscheidbare Sätze der Principia mathematica und verwandter Systeme, 1931) sich vom Hilbert-Programm, also von der vollständigen, logischen und widerspruchsfreien Beweisbarkeit verabschieden musste, wendete sich die analytische Philosophie (ab Ende der Dreißiger Jahre) dem Linguistischen Phänomenalismus zu und mündete prominent in die Oxford-Ordinary-Language-School. In ihr wird die Bedeutung eines Begriffs aus seinem Gebrauch erklärt.
Es ist heute üblich, sprachliche Kommunikation allein der Performanz zuzurechnen. Dies aber greift zu kurz.
- Die diskrete Codierung von Phonemen und Buchstaben ist operativ.
- Gewisse Aussagen können mathematische Sätze oder logische Propositionen bilden, die der Definition formaler Sprachen genügen.
- Formale Sprachen können in der Regel in Alltagssprache übersetzt werden.
- Die Kommunikation, die zwischen zwei Personen abläuft, die im Kopf Schach spielen ist sprachlich und doch rein operativ.
- Auch bei Formulierungen, die physikalische Messungen oder Formeln in Sprache übertragen, steht der operative Aspekt dann im Vordergrund, wenn die sprachlichen Formulierungen eindeutig auf die Messungen oder Formeln zurückgebaut werden können.
- Die Rechtssprechung versucht, sich über Gesetze bzw. Präzedenzfälle der Operativität anzunähren.
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Gut definierte Begriffe sind zwar keine wohldefinierten Begriffe, da sie immer von einer Kompetenz verarbeitet werden und nicht mathematisch anschreibbar sind, aber sie ermöglichen ein komplexeres Schreiben und Denken als in der Alltagssprache möglich wäre.
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Es bleibt zu bemerken, dass Luhmann die Begriffe “Operation” und “operativ” im Sinne von Performanz und performativ verwendet.
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Dies sind erste Notizen zur Präzisierung eines Begriffs. Wichtige Stichworte in dem hier erläuterten Zusammenhang sind: operative Prozesse, Encodierung, Decodierung, [Schnittstelle] (operativ/operativ, operativ/performativ, performativ/operativ, performativ/performativ).
Weiteres soll im Mitschreibprojekt Ästhetik des Wissens geschehen.
vgl. auch Zur Unterscheidung zwischen operativ und performativ


FormatLabor.net BLOG » Blog Archive » Wolfgang Ernst: Merely the Medium - Die operative Verschränkung von Logik und Materie wrote:
31. July 2007 at 16:19
[…] Die von Wolfgang Ernst vertretene Medienarchäologie konzentriert sich auf die Beschreibung konkreter materieller Prozesse und richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Physikalität der Kanäle und auf die von dieser Physikalität ermöglichte und begrenzte Logik des Codes, auf die operativen Prozesse auf der Innenseite des Mediums (vgl. Zur Unterscheidung zwischen operativ und performativ). Diese nicht-diskursiven Prozesse, die mathematisch abstrahiert als Algorithmen beschrieben werden können, sind verwurzelt in Kulturtechniken, die allen medialen Prozessen ihre jeweilige Logik aufzwingen. Die Logik, die die Physikalität des Mediums und die mit ihr notwendig verbundenen Formen der Codierung erzwingt, formt nicht nur jede Aussage, sondern zieht erbarmungslos eine Außengrenze medialer Sagbarkeit(1). Folgt man dieser Position, können kulturelle Phänomene als Effekte der Kulturtechniken gelesen werden; der Blick, der in der Regel von Sinn und Semantik fasziniert wird, kann durch diese hindurch auf die konkreten Operationen sehen und damit die konstruktive Kraft des jeweiligen Mediums ausfindig machen, die sich in der alltäglichen Benutzung von Medien unserer Aufmerksamkeit gerade entzieht. […]
tnvh.de » Zu Besuch bei Michael wrote:
1. May 2008 at 19:23
[…] Das Archiv hat eine Binär-Logik. Entwerder ist etwas in ihm oder nicht. Seine Selektion ist wohldefiniert und gnadenlos ( vgl. operativer Code). Die Ausgabe des Archivs ist - zumindest was das klassische Archiv angeht - mit der Eingabe identisch. Das Gedächtnis hat eine Latenz (was der Wunderblock-Text von Freud schön bebildert). DESHALB WEISS NIEMAND, NICHT EINMAL DAS GEDÄCHTNIS SELBST, WAS ES ENTHÄLT. Es kann seine Einträge immer nur aus der Aktualität aktivieren und ist deshalb doppelt kontingent. Es kennt weder seine Einträge noch, weiß es, wie es sie aus der Perspektive der Zukunft aktivieren wird. Spannend auch das jedes Erinnern-An das „An“ der Erinnerung verändert. Dann natürlich auch das vollkommen unterschiedliche Verhältnis zur Redundanz. Der immer wieder gleiche Eintrag in ein Archiv schafft eine Redundanz, verändert aber nicht den Eintrag. […]