Worum geht es?
Es geht um unsere Zukunft, um die Entwicklung unserer Gesellschaft. Es geht um die soziale Evolution und ihre kulturtechnischen, epistemologischen, konventionellen und medialen Rahmen. Werden wir in einer Gesellschaft leben, in der die soziale Evolution einer Eigendynamik unterworfen ist, die blind ist für menschliche Bedürfnisse, oder wird es den Teilnehmern an sozialen und medialen Formaten möglich sein, diese zu reflektieren und aktiv mitzugestalten?
Unser Vorschlag besteht darin, Gesellschaft als Prozess zu begreifen, als ein soziales System, das sich mit Hilfe unmittelbar-sozialer und medialer Formate reproduziert. Folgt man dieser Betrachtungsweise, bestünde die soziale Evolution im Auftauchen und dem Sich-Durchsetzen neuer Formate, gefolgt von einem Prozess der Umstrukurieung (Restabilisierung), der einsetzt, wenn eine neue Formatvariation sich durchsetzt und etabliert.
Damit verschieben sich dann auch die Variationsmöglichkeiten (die Produktionsmöglichkeiten der Variationen) sowie die soziale Selektion der Formate, die Logiken der Anschlusses.
Kann man experimentell für bestimmte Zwecke und Bedürfnisse Formate entwickeln? Wäre es möglich, die Entwicklung von experimentellen Formaten auszurichten an der Antizipation der Restabilisierung, also jenes Zustandes, den die Gesellschaft annehmen würde, wenn das experimentelle Format sich durchsetzen würde? Oder geht es zunächst darum, darüber nachzudenken, wie die Reflexion über Formate in entsprechende Formate eingebaut werden kann? Diese Fragen sind Ausgangspunkt einer Forschungsbemühung, die sich wiederum selbst als soziales System versteht, als einen kommunikativen Zusammenhang.
Dieser kommunikative Zusammenhang besteht aus zwei eng miteinander verflochtenen Bereichen: einem praktischen, experimentellen Bereich - hier geht es um das konkrete Entwerfen von unmittelbar-sozialen und medialen Formaten für eine anders mögliche Gesellschaft - und einem theoretischen Bereich - in ihm geht es darum, Perspektiven zu entwickeln, die für diese Experimente hilfreich sein könnten und die einen entsprechenden Reflexionsraum öffnen, in dem die durchgeführten Experimente entworfen und reflektiert werden. Da wir den Bereich der Theorie als soziales System begreifen, können wir auch ihn experimentell bearbeiten.
Es kommt zu einer wissenstheatralischen Selbstanwendung: der kommunikative Zusammenhang, in dem das Wissen über Formate entsteht, wird mit Hilfe des Wissens bearbeitet, das in ihm selbst generiert wird. Ausgerichtet wird diese Wissensinszenierung an der möglichen Wirkung, also an der vermuteten Fruchtbarkeit, “eher bessere” Formate zu entwickeln. “Eher bessere” Formate sind Formate, in denen die Teilnehmer an den Formaten Mitgestalter der Formate sind oder in denen die Logiken des Bedarfs von den Logiken der Bedürfnisse abgelöst werden.


FormatLabor.net BLOG » Blog Archive » formatLabor - Basisinfo zum Jahreswechsel wrote:
22. December 2007 at 22:56
[…] Um was geht es? […]
tnvh.de » Die Wüste wrote:
29. March 2008 at 07:50
[…] Ich war, glaube ich, noch nie so am Ende wie im Winter 2001/02. Im Herbst hatte ich die Geschichte meines Todes gedeht. Davon werde ich ein anderes Mal erzählen. Mein Freund Christian hat mich eingeladen mit ihm nach Essaouira zu fahren. Ich habe mich dort ein wenig erholt. Jeden Abend saßen wir mit einer bunt gemischten Gruppe zusammen. Nach ein paar Tagen sind wir dann nach Südosten in die Wüste gefahren. Dort blieben wir noch eine Weile zusammen. Dann flog Christian nach Deutschland zurück. Ich blieb in der Wüste. Dort habe ich sie mir dann ausgedacht: Die Wissenschaft vom menschlichen Glück. Jeden Abend saß ich da und sprach. Und bald war es so, dass alle darauf warteten. Tags über blieb ich in meinem Zelt. Um was geht es? […]
eRDe wrote:
16. July 2008 at 08:43
hört sich interessant an. bin gespannt, wie es weitergeht. mein erster vorschlag wäre ein wissens-format aus der kognitionspsychologie (semantische netzwerktheorien). dort bedeuten sogenannte DYADEN zwei-einheiten des wissens. in topologischer hinsicht formiert sich eine DYADE aus zwei knoten bzw. wissensorte im gesamten wissensnetz eines subjektes, eines kollektives o.ä., die von einer kante verbunden werden. eine kante ist hierbei ein gedanke im allgemeinen oder beispielsweise eine assoziation im besonderen. DYADEN sind demnach zuvorderst schrift-bild-doppel…
eine frage zum “um was geht es?”-text: heißt es im dritten absatz “die logiken DES anschlusses” oder “die logiken DER anschlüsse”? und sind damit nur/auch interfaces gemeint?
beste grüße, eRDe.
neue.methode wrote:
16. July 2008 at 11:03
“Anschluss” bezieht sich auf Niklas Luhmann, und auf die Vorstellung von “Anschlussfähigkeit” (= Anschlüsse eher provozieren als produzieren). Die Anschlussfähigkeit wird in der Systemtheorie von einer Leitdifferenz kontrolliert. Im Rechtssystem sind nur Handlungen und Kommunikationen anschlussfähig, die mit der Leitdifferenz recht/unrecht behandelt werden können.
Das Sie hier einen Kommentar lassen ist ein Anschluss. Offensichtlich wurde etwas berührt, was Ihr Interesse weckte. Das wird in der Systemtheorie damit erklärt, dass die Sinndifferenz berührt wird. Unsere Kommunikation wäre beispielsweise in den Massenmedien (die sich nach Spannung ausrichten) nicht anschlussfähig.
Das mit dem Dyaden ist interessant. Gibt es da Literatur?
Experimentelle Formate allerdings entstehen durch eine Setzung von Regeln, so wie auch bestehende Formate klare Regeln haben, beispielsweise ein Vortrag, ein Referat, ein Essay, ein wissenschaftlicher Artikel etc.
nico martirelli wrote:
20. July 2009 at 01:32
Vorschlag: zuerst nachdenken, worum es sich bei “Evolution” handelt… dann darüber, was z.B. semantische netzwerke anderes sein können, als Unsinn, … und drittens, bevor das schöne Wort partizipation durchdekliniert wird, mal wieder den Ludwig (W.) lesen: Bedeutung hat keine mentale Basis, um das Denken zu erkennen, müssen wir uns aus ihm zurückziehen… Gescheit reden fungiert eben allzu oft als Ersatz für gescheites tun…