Das dritte Feld
Zwischen dem Bereich der Individualkommunikation und dem Bereich der Massenmedien entsteht seit den 90er Jahren ein drittes Feld. Dieses Feld umfasst neue Formen des medialen Miteinanders, neue Formen der Öffentlichkeit und Formen, in denen die Produktion und Distribution, Akteure und Publikum, Produzenten und Konsumenten nicht mehr kategorisch voneinander zu trennen sind. In ihm greifen Face-to-face-Kommunikation und Speicher- und Übertragungsmedien ineinander.
In diesem Bereich geht es nicht mehr um die Verfertigung eines Produkts, das dann eine möglichst große Anzahl von Rezipienten erreichen soll, sondern darum, soziales Miteinander, politische Vorstellungen und entsprechende Produktionsformen miteinander zu verbinden. Die Wirkung dieses Bereichs ergibt sich nicht dadurch, dass einzelne mediale Produkte prominent werden (wie es in den Massenmedien, insbesondere in Bezug auf Filme und Popmusik, der Fall ist), sondern durch das Entwickeln und Weiterentwickeln von Tools, Methoden und Formaten, die immer wieder neue Einzelprodukte und Konstellationen hervorbringen.
Die Chance dieses neuen Bereichs liegt darin, dass in ihm möglicherweise die Selbstreflexion eine strukturgebende Funktion haben kann und sich über die Entwicklung von Tools, Methoden und Formaten neue Formen der Produktion und des Miteinanders ergeben können. Um dieses dritte Feld in eigenverantwortlicher und reflektierter Weise zu gestalten, bedarf es nicht nur bestimmter Hard- und Softwarebedingungen, sondern bestimmter Konventionen ihrer Anwendung (Formate). Diese Konventionen können in Formatexperimenten aktiv entwickelt werden. Die auf diese Weise neu entstehenden Formate sollen einerseits leistungsfähig sein in Bezug auf die Produktion (indem sie insbesondere das kreative Potential aller Beteiligten nutzen und in sozialen Strukturen stattfinden, die jedem Beteiligten die Identifikation mit der Arbeit ermöglichen) und andererseits diesen Arbeitsprozess auch als soziales Miteinander verstehen. (Hier werden Fragen gestellt wie: „Wollen wir so miteinander leben/arbeiten? Welche Formate wären vor dem Horizont globaler Ausbreitung eher wünschenswert?)
Wenn dieses dritte Feld sich auch an seiner Reflexion ausrichtete, an seiner Vorstellung von der gesellschaftlichen Wirkung einzelner Formate und dieses Feld dann auch sowohl auf die unmittelbare Interaktion als auch auf massenmediale Formate wirkte, könnte innerhalb der Gesellschaft FÜR DIE GESELLSCHAFT eine dezentrale Steuerungsmöglichkeit etabliert werden, die sich nicht mehr auf eine hierarchische Spitze, sondern auf dezentrale Mechanismen und strukturelle Macht bezöge.
Inwiefern ökonomische Machtverhältnisse auf diese Weise mit eingeschlossen sind und mit thematisiert werden können, ist eine weitgehend offene Frage.

