Experimentelle Epistemologie
Die Aufgabe des formatLabors ist es, experimentelle Formate zu entwickeln.
Die praktische Arbeit der Format-Entwicklung ist Teil eines Forschungsprogramms. Die hier eingesetzten Verfahren unterscheiden sich sowohl von den traditionellen wissenschaftlichen Methoden als auch von den üblichen künstlerischen Herangehensweisen.
Das Verhältnis von Theorie und Praxis in der Wissenschaft
Traditionellerweise bilden in der Wissenschaft Hypothesen den Ausgangspunkt von Experimenten. Die Hypothesen sind in der Regel eingebettet in umfassendere theoretische Überlegungen. Die Ergebnisse werden ausgewertet und in die Theorien zurückübertragen. Die Praxis wird also von der Theorie gerahmt: Die Theorie determiniert in der Fragestellungen und Methodologie die Praxis. Die Praxis und die Empirie kann Fragen beantworten, neue Fragen aufwerfen, lässt aber die Art der Herangehensweise und die Methodologie in der Regel ungerührt. Eher selten werden durch Experimentationen die Art des Forschens in Frage gestellt (wie beispielsweise im Fall der Elektrizität und der Quantenphysik).
Wissenschaftsgeschichte und Epistemologie
Die Verfahren der Wissenschaft können wiederum zum Thema einer Wissenschaft und Theorie historisch und epistemologisch beschrieben und untersucht werden. Die Wissenschaftsgeschichte zeichnet die Fortschritte, Entdeckungen, die Formulierungen der Probleme, Diskurse und Kontroversen auf, sie verfolgt Linien der Entwicklung, rekonstruiert Rezeptionsgeschichten und ist bemüht, den Wandel in der wissenschaftlichen Methodik aufzuzeigen. Die Epistemologie dagegen versucht, eine Kartografie dessen anzulegen, was dem wissenschaftlichen Bewusstsein aufgrund von Ideengeschichte, Logik, Sprache, ökonomischem Interesse, Institutionalisierung etc. entgangen ist und entgehen musste. Sie versucht (mit Foucault) die Unhintergehbarkeiten des Diskurs aufzuzeichnen.
Beide Verfahren, sowohl das wissenschaftsgeschichtliche als auch das epistemologische, bemühen sich um eine Beobachtung zweiter Ordnung, um eine Beobachtung des wissenschaftlichen Beobachtens und bringen damit Aspekte ans Licht, die der wissenschaftlichen Beobachtung, der Beobachtung erster Ordnung, entgangen sind. Nur ist diese Beobachtung zweiter Ordnung gleichzeitig eine Beobachtung erster Ordnung und kann nur beobachten, was sie beobachten kann. Ihre eigene Blindheit sieht sie nicht.
Auf dem Weg zu einer experimentellen Epistemologie
Doch wie verändert sich das Verhältnis Theorie und Praxis, wenn Experimente nicht nur von der Theorie gerahmt werden, sondern umgekehrt die Theorie als Resultat einer (wissensinszenatorischen) Praxis verstanden wird. Da mit würde die Theorie nicht nur die Basis für eine Praxis, sondern die Praxis würde zur konkreten Grundlage der Theorie. Möglich wird diese gegenseitige Rahmung dadurch, dass die formatexperimentelle Praxis auch die Theorie selbst betreffen kann. Es entstehen neu Theorieformate.
Wenn die Einsichten und Blindheiten wissenschaftlicher Theorien in entscheidender Weise über wissenschaftliche Formate organisiert werden, kann die Entwicklung experimenteller Formate für die Theoriebildung als epistemologische Praxis begriffen werden: Die Praxis hängt dann nicht mehr allein von der Theorie ab (die ihre Grundlage bildet), sondern umgekehrt bildet die medientheatralische Praxis gleichzeitig die Grundlage für ungewöhnliche Einsichten und die weitere Ausbildung der Theorie. Theorie und Praxis treten damit in eine neues Verhältnis zueinander und rahmen sich gegenseitig.
Damit würde Wissenschaft eine neue Stufe der Selbstreiflektion erlangen und in einen neuen paradigmatischen Raum eintreten.
Zum Theoriefilm [”Zap!”]

