Aufschreibesysteme
Aufschreibesysteme bezeichnet “das Netzwerk von Techniken und Institutionen […], die einer gegebenen Kultur die Adressierung, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten erlauben. So bilden Techniken wie der Buchdruck und an ihn gekoppelte Institutionen wie Literatur und Universität eine historisch sehr mächtige Formation, die im Europa der Goethezeit zur Möglichkeitsbedingungen der Literaturwissenschaft selber wurde”(1).
Aufschreibesysteme ist ein Zentralbegriff [[Friedrich Kittlers]] (*1943) und gleichzeitig Titel seiner Habilitation (1985). Der Begriff stammt ursprünglich aus den „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ (1903) DANIEL PAUL SCHREBERS (1842-1911), Sohn von Dr. Daniel Moritz Gottlob Schreber, Namengeber des Schrebergartens und Begründer der Eupädie/systematischen Heilgymnastik (die er an seinem Sohn Daniel ausprobierte).
Kittler versteht seinen Gegenstand (im Gegensatz zu einigen seiner Nachfolgern, die den Medienbegriff auf rein technische Bedingungen des Diskurses, auf die Materialität des Mediums reduzieren) immer historisch. Mit dem Begriff „Aufschreibesysteme“ ergänzt und verengt Kittler gleichzeitig den von Foucault in der Archäologie des Wissens (1966) entwickelten Begriff des „historischen Apriori“, den „Realbedingungen der Aussagen“. Kittler ergänzt ihn, da er auch die Zeit nach 1850 zum Gegenstand seiner Analysen macht, verengt ihn aber auch, weil er eher Antworten sucht (und findet) und konkrete historische Beschreibungen wählt, als dass er auf einem höheren Abstraktionsniveau die Fragen nach den Realbedingungen des Diskurses offen hält. Im Zentrum Friedrich Kittlers Forschung steht also nicht, wie bei Michel Foucault, ein Problembegriff, sondern konkrete Erklärungsangebote mit oft beeindruckendem Detailwissen.
(1) Im 1995 angefügten Nachwort, Kittler 1985, p. 501.

